Ralf H. - Nur Touristen
83
Nur Touristen
Roman
196 Seiten - 16,00 EUR


Doro und Bettina sind zwei alte Freundinnen, die sich aus den Augen verloren hatten. Auf einer Busreise nach London entdeckt Bettina, dass Doro ein dunkles Geheimnis vor ihr hat.

Am nächsten Tag bricht Doro im Covered Market in Oxford zusammen.

War es ein Mordversuch?

ISBN 978-3-949417-07-8
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Der Beginn des Romans:

Görlitz


Der Koffer rumpelte über das Kopfsteinpflaster.
Für Bettina war das anstrengender als sie sich das am Tag zu- vor vorgestellt hatte. Wenn der Boden eben gewesen wäre, hätte sie den Hartschalenkoffer auf seinen vier Rollen neben sich herschieben können, aber das Kopfsteinpflaster machte das unmöglich.
Wie lange war sie nicht mehr am Bahnhof gewesen? Vier Jahre?
Ihre Freundin Doro war letztes Jahr mit dem Zug gekommen. Das Angebot sich abholen zu lassen, hatte sie nach einem Blick auf den Stadtplan dankend abgelehnt und die wenigen hundert Meter zum Laden am Demianiplatz zu Fuß zurückgelegt. Am Tag der Abreise zog sie es vor, ein Taxi zu nehmen.
Ach, das wäre wirklich eine gute Idee gewesen, aber weniger als einen Kilometer mit einem Taxi zu fahren, das einen doppelt so langen Weg zurücklegen musste, erschien Bettina zumindest bis gestern als vermeidbare Geldverschwendung. Der Urlaub würde noch teuer genug werden. Bettina war nicht arm, aber der Laden warf nicht genug Geld ab, um sich unnötigen Luxus leisten zu können. Seit dem Tod ihres Mannes war das nicht besser geworden.
Die Berlinerstraße führte direkt zu Bettinas Ziel, aber gleich hinter dem an einer Straßengabelung gelegenen Gebäudes mit Bäckerei und Café, von dessen Plätzen im ersten Stock man einen Blick auf die Einkaufsstraße und ihren durch einen Brunnen markierten Beginn bis hinunter zum Postplatz werfen konnte, endete das Stadtzentrum.
Danach folgten Gebäude für die sich in den dreißig Jahren seit dem Mauerfall noch niemand gefunden hatte, der das Geld aufbringen wollte, sie in einen für die heutige Zeit akzeptablen Zustand zu bringen. Die geheimnisvolle bis 2016 jährlich von einem unbekannten Spender überwiesene Görlitz-Million wurde für andere Gebäude aufgewandt, die näher an den touristischen Zentren der Stadt lagen und damit den vielen Tagestouristen und den Filmcrews noch mehr reizvolle Motive zu bieten.
Nach Görlitz kam und kommt man mit dem Bus nicht mit dem Zug.
Die Umgebung vieler deutscher Bahnhöfe ist nicht dazu angetan, die dazugehörige Stadt stolz zu machen. Görlitz war von Spielsalons, Dönerbuden, Handyshops und anderen Tarnungen für zwielichtige Geschäfte verschont geblieben, aber Gebäude, die nur noch standen, weil man hoffte, dass sich irgendwann jemand finden würde, der alte Straßenzüge zu schätzen wusste und bereit war, Geld in die Restaurierung zu stecken, waren auch nicht viel besser. Offiziell hieß es, die alten Häuser würden nicht abgerissen, da man den Wert des historischen Stadtbildes zu schätzen wisse. Hinter vorgehaltener Hand konnte man allerdings hören, der Abriss der Gebäude sei zu teuer – und eine jahrelange Brache war auch nicht attraktiver als ein langsam dem Verfall anheimfallendes Gebäude.
Tatsächlich war der kleine, 1847 eingeweihte Bahnhof durchaus ein Schmuckstück. Klein, ja, dunkel, ja, aber wer nur die modernen Zweckbauten gewohnt war, konnte sich durch das Jugendstilgebäude fast in eine andere Zeit zurückversetzt fühlen.
Die Halle wurde von einem Blumenladen, einer Buchhandlung und einem Bäcker beherrscht. Mehr war da nicht.
Bettina wusste, was sie erwarten würde, aber sie kam sich dennoch fremd vor. Das war nicht das Görlitz, von dem sie jeden Tag umgeben war, das Görlitz, das nach über zwanzig Jahren zu ihrer Heimat geworden war.



ISBN 978-3-949417-07-8
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